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Interview mit Roland Reber

Sie nennen den Film eine Hymne auf die Unmoral. Warum?

 

Moral ist für mich nur ein Druckmittel der Gesellschaft gegen das Individuum. Die ganze Welt folgt den Regeln, die von der Moral auferlegt sind. Für mich gibt es nichts Langweiligeres als einen Film, der vorgibt, eine moralische Botschaft zu übermitteln. Aus diesem Grund ist ENGEL MIT SCHMUTZIGEN FLÜGELN entstanden, ein unmoralisches Werk über drei Engel, die aus Langeweile den Himmel verlassen. Als sich andere Engel zu Tode langweilten, haben sie sich geschworen auf der Erde ihre Lust und ihr Laster zu leben. Sie sind Engel mit schmutzigen Flügeln.

Ich bin kein Freund von Klipp-Klapp-Erklärungen - das ist gut, das ist schlecht, also habe ich versucht, Figuren zu entwickeln, die weder das eine noch das andere sind, sie versuchen zu leben, wissen aber gar nicht, was das bedeutet. Lucy wird nur im Orgasmus lebendig, die anderen beiden nur auf ihren Motorrädern, das ist das einzige, was sie haben. Lucy versucht sich während des Filmes ihres unpassenden Lebensanzuges, den unter anderem die Moral über sie gestülpt hat, zu entledigen. Sie versucht die Norm, so zu leben, wie andere es von ihr erwarten, loszuwerden. Sie beginnt in ihren Spiegel zu schauen und ihr dunkles Ebenbild zu sehen und zu leben. Somit wird sie weder besser noch schlechter, aber ein wenig authentischer.

 

 

Wie hat die heutige Gesellschaft die Charaktere in Ihrem Film beeinflusst?

 

„Woher soll ich gelernt haben zu fühlen. Ich gehöre einer Generation an, die sich ihre Gefühle leiht.“, sagt Lucy gegen Ende des Filmes.

Wenn sich Menschen nur noch über Posen definieren, die sie aus den Medien kopieren,

geht die Authentizität verloren. Wenn man sich z. B. ein neues Handy holt, ist darin schon die vorgefertigte SMS „Ich liebe dich auch“ integriert. Es wird nur noch kopiert. Das Original bleibt auf der Strecke. Das ist für mich eine Generation der geliehenen Gefühle, die so auch gar nicht mehr fähig ist, echte und authentische Gefühle zu empfinden. Für mich ist die zentrale Stelle im Film, wenn Michaela und Lucy über die Liebe reden. Lucy kennt nur geliehene Gefühle und Berechnung, wie z. B. sie wollte mit dem  Arztsohn zusammen sein, weil der Vater ein tolles Haus hat und nennt es dann „verliebt“, weil man es halt so nennt. Es geht um Authentizität. Sei scharf auf ein tolles Haus, aber pur. Lebe deine Lust, aber pur. Und der zentrale Satz für mich ist: „Ohne Liebe sind wir leere Hüllen in einer leeren Welt.“

 

 

Inwiefern ist die Grenzüberschreitung und Provokation in Ihrem Film kalkuliert?

 

Wenn man den Augenblick des Orgasmus oder expliziten Sex in einer offenen und realistischen Weise zeigt, kann das für einige Zuschauer verwirrend sein. Oberflächlich betrachtet ist die Provokation eine ästhetische, das Tabu geht aber tiefer. Hier geht es um Lebendigkeit. Lucy lebt nur im Orgasmus, sonst spielt sie nur Leben. Wäre sie von Anfang an eine Prostituierte, wäre niemand geschockt, sie wäre nur eine Nutte, aber sie geht freiwillig in den Puff, um das Leben, um sich zu spüren. Am Anfang ist Sex für Lucy ein Ausdruck des Spiels und ein nützliches Werkzeug, um andere zu manipulieren, gegen Ende ein Ausdruck des Seins.

Provokation ist für mich kein Selbstzweck, aber sie setzt beim Zuschauer starke Gefühle frei. In diesem Film gibt es keinen „schön inszenierten“ und FSK 12 freigegebenen Sex, der Sex ist realistisch und unprätentiös dargestellt, pur, das ist die Provokation. Sex wird als Sex dargestellt und nicht wie so oft die “ wilde Schlampe“, die im BH fickt und wo die Bettdecke auch noch beim wildesten Sex so drapiert ist, dass man ja keinen Schambereich oder steifen Nippel sieht. Wenn Sex in einer Geschichte vorkommt, kann man ihn auch zeigen. Man zeigt die Menschen ja auch beim Essen. Aber mein Ziel ist es nicht, die Zuschauer zu provozieren. Ich will einfach zeigen, wie dieser Moment ist, der einzige Moment, wo Lucy wirklich ist und nicht eine Bettszene aus den Medien nachäfft.

 

 

Sie haben einen eigenen Weg des Filmemachens und –produzierens. So sind

die Schauspieler häufig auch in anderen Bereichen des Filmemachens involviert – wie z.B. bei Schnitt, Kamera, Drehbuch, Produktion etc. Sie machen Ihre Filme ohne öffentliche Fördermittel und immer mit dem gleichen Team. Wie sieht diese Arbeitsweise aus?

 

Unsere Filme entstehen Dank unserer Willenskraft, aber auch dank spontanen Begegnungen während des Produktionsweges. Im Falle ENGEL MIT SCHMUTZIGEN FLÜGELN war der Titel das erste, was mir einfiel. Von da an entstand dann alles in einer organischen Art und Weise. Zum Beispiel trafen wir während eines Drehtages einen Mann, der ein Harley-Davidson T-Shirt trug. Ich fragte ihn, ob er nur das T-Shirt anhabe oder auch ein „echter Biker“ ist. Er bejahte und wir beschlossen, dass er und sein Motorradclub im Film mitwirken.

In der Filmindustrie ist es immer mehr zu einer Spezialisierung gekommen. Viele Kollegen meinen, es müsste eine Teilung der künstlerischen, technischen und verwaltungsbedingten Positionen geben. Dieser Meinung bin ich nicht. Kreativität ist nicht teilbar, sondern ein holistischer Vorgang. Wir sind kein Konzern, der Filme produziert,

sondern Filmemacher. Filmemacher machen Filme. Und das ist eben ein

ganzheitlicher Prozess – und einer der Spaß macht. Somit vertreten wir „unseren“ Film

und nicht ein Produkt anderer Leute. Ich würde nie von „meinem Film“ sprechen,

sondern immer von „unserem“ – es ist Teamwork.

Viele Schauspieler sehen sich

oft selber in einer Erfüllungsposition. Sie sagen: „Ich habe bei einem Film mit

gemacht“. Sie distanzieren sich mit der Begründung, sie seien ja nur Schauspieler.

Bei uns ist niemand „nur“. Für mich beginnt Schauspiel berührend zu werden, wenn es

persönlich und authentisch ist und das erreicht der Schauspieler eher, wenn er sich mit

der Rolle selbst auseinandersetzt und nicht irgendein Erfüllungsgehilfe eines

göttergleichen Befehlsgebers ist. Das ist Militär, ich mache Filme. Ich sehe mich nicht als

Dompteur, der dem Schauspieler vorschreibt, welche Grimassen er zu schneiden hat, ich

erwarte von einem kreativen Künstler seine eigene Interpretation, sonst könnte ich die

Rolle ja selber spielen. Ich sehe mich eher als Dirigent, der die Solisten lediglich

koordiniert und zu einem harmonischen Orchester zusammenführt. Das ist meine

Definition von Team-Work, also ist es auch nicht „mein“ Film, sondern „unser“ Film.

Wir machen Filme mit geringem Budget, so dass wir selber produzieren können und somit haben wir immer die volle Autorität über das, was wir machen. Wir nutzen unser eigenes Equipment, von der Produktion über Postproduktion bis zur Vermarktung machen wir alles selber. So kann uns niemand reinreden und das gibt uns die Freiheit, kreativ zu sein.

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Was ist für Sie die Aussage des Films?

Für mich geht es in dem Film vor Allem um Ehrlichkeit, und das in erster Linie sich selbst gegenüber. Meine Figur der Lucy  hat sich und andere ihr Leben lang betrogen. Nun halten ihr die anderen beiden einen Spiegel vor, damit sie erkennt wer sie ist, nämlich eine verlogene geile habgierige Schlampe. Diese Erkenntnis ist erstmal völlig wertneutral. Was sie nun macht, ob sie sich ändert oder das, was sie ist, lebt, bleibt offen, der Film ist nicht moralisch, und  das finde ich das Gute daran. Einer der wichtigsten Sätze des Film ist für mich: Ohne Liebe sind wir leere Hüllen in einer leeren Welt.

Was ist das Besondere an der Figur der Lucy?

Lucy ist Jemand, die im Laufe des Films erkennt, was sie ist, und sich dann erstmal entscheidet, genau das zu leben. In den meisten Filmen ist es doch so, dass eine Figur, die Nutte oder Stripteasetänzerin oder etwas in der Richtung ist, am Ende bereut und ihr Leben ändert und  heiratet. Oder vor dem grausamen Zuhälter flieht, so wie ich als Jenny in der

ARD Serie Um Himmels Willen. Aber das sich eine Frau bewusst entscheidet, als Nutte zu arbeiten und dann auch noch geil darauf ist, das ist das, was für mich Lucy zu einer ganz besonderen Figur macht Es ist ihre freie und bewusste Entscheidung, und die wird im Film weder verurteilt noch gut geheißen.. Da geht es einfach ums pure Sein.

War es für Sie schwer, die expliziten Szenen zu drehen?

Nein, weil ich erstens Roland als Regisseur hundertprozentig vertraue und weil ich 2. sofort wusste, dass die Sexszenen dazu dienen eine Geschichte zu erzählen. Deswegen war es mir ja auch so wichtig, dass meine Orgasmen echt sind. Lucy definiert sich  nur über Sex, und die einzigen Momente, wo sie wirklich lebt und Leben nicht nur nachspielt sind im Orgasmus. Also wollte ich dass diese Szenen  so authentisch wie möglich  sind. Auch das ist ja ein zentrales Thema des Films: Sei was DU bist. Als Schauspielerin wollte ich deswegen SEIN, nicht nur spielen. Ich kann nur lächeln, wenn ich mir die Sexszenen in Hollywood und Fernsehproduktionen anschaue. Da liegen Frauen im BH in Bettdecken drapiert und sehen immer schön perfekt geschminkt aus. Aber Lucy möchte ja in den Schmutz, weil es dort lebendig ist. Zu dieser Rolle hätten choreografierte Sexszenen nicht gepasst,  das hätte die Glaubwürdigkeit zerstört. Außerdem gab es klare Absprachen mit den Darstellern, wieweit sie bereit sind zu gehen. So wurde im Vorfeld schon eine entspannte Atmosphäre geschaffen.

Hatten Sie keine Angst, was nun Andere über Sie sagen, z. B. Kollegen oder Familie und Freunde?

Nein, genau darum geht es ja im Film. Sei was du bist, egal was andere dazu sagen. Lucy hat ja alles unter dem Deckmantel einer sehr fragwürdigen Moral getan, von der sie sich im Film mit Hilfe der anderen Beiden befreit. Ich finde den Umgang unserer Gesellschaft mit Sex ziemlich verlogen. Das fängt schon damit an, dass die Meisten in die Disco gehen, um Sex zu bekommen, aber behaupten, sie wollten Spaß haben oder tanzen. Oder es wird ein großes Essen mit Kerzenlicht und scheinbarer Romantik inszeniert, um zu erreichen, dass man Sex hat. Da ist eine wie Lucy ehrlicher, die direkt in den Puff geht.

Wie kamen Sie dazu, von der Nonne in einer ARD Serie nun ENGEL MIT SCHMUTZIGEN FLÜGELN mit dem Team von wtp zu drehen?

Ich habe Roland Reber und das Team von wtp vor fast 3 Jahren in Cannes kennengelernt. Damals hatte ich gerade mit den Dreharbeiten zu Um Himmels Willen begonnen. Nachdem ich dann aber 24/7 THE PASSION OF LIFE und MEIN TRAUM ODER DIE EINSAMKEIT IST NIE ALLEIN gesehen hatte und mitbekommen habe, wie wtp Filme macht, wollte ich unbedingt dabei sein. Denn Roland ist ein Regisseur, der allen Beteiligten am Set die größtmögliche Freiheit lässt und die Kreativität von jedem Einzelnen fördert. Bei wtp sind Schauspieler eben keine Marionetten, die nur zwischen Markierungen hin und her hüpfen dürfen.. Jeder kann sich einbringen und wird ernst genommen. Deswegen habe ich mich dann entschieden, gleich ganz ins Team einzusteigen und nun diesen Film auch mit zu produzieren. Und natürlich hat es mich gereizt, nach der Rolle einer Nonne nun etwas ganz Anderes zu spielen.